skyXtreme Titel Story
Vol. 9 - Juni 2000 / Deutsche Ausgabe Das Magazine von Skydive World

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Eine High Performance Familie
Die jüngsten Skydiver weltweit

(Fortsetzung)

Mutter Andrea führt das Manifest. Sie herrscht in ihrem Revier mit strenger Hand und hat alles im Griff mit ihrem Computer und der eigens für ihre Dropzone geschriebenen Software. Mit einem Mausklick stellt sie sicher, dass sich niemand ohne ihr Einverständnis zweimal eingetragen hat, und dass Schüler und Fortgeschrittenen gleichmäßig auf die Loads verteilt werden, und sorgt so für einen reibungslosen und effektiven Ablauf des Sprungbetriebes. Zwischendurch schaut sie überall nach dem Rechten und erstickt oft aufkommende "Krisensituationen" im Keim.

Dropzone Tennessee
Dropzone Memphis

Die beiden Mullins Söhne Joel and Jeffrey entfernen sich nie zu weit vom Manifest zwischen den Sprüngen, denn sie wissen, dass sie gerufen werden, um Handreichungen zu erledigen. Sie betanken das Flugzeug, sammeln Müll auf und gehen mit Matthew, ihrem 2-jährigen Bruder, spazieren und unterhalten ihn.
 
Trotz ihres strengen Regiments auf der Dropzone, kann man sehen, dass Andrea ein Herz aus Gold hat. Man bekommt auch einen Eindruck davon, was diese Familie zusammenhält. Beide Elternteile sind streng, daran gibt es keine Zweifel. Ich hätte nicht in einer solchen Familie aufwachsen mögen. Man kann sehen, dass sie sich auf nichts Halbes einlassen. Aber vielleicht gerade deshalb halten sie stärker zusammen, als die meisten Familien. Die Kinder, jedes von ihnen, springen gerne ein wenn, sie gebraucht werden. Und sie wachsen in einer Umgebung auf, die ihre Fähigkeiten fördert, im Rahmen der selbst gewählten Möglichkeiten.
 
Joel lernt gerade für seine Privatpiloten Lizenz. "Ich wünsche nur, ich könnte sie jetzt schon machen", lamentiert er, "Es wäre irgendwie toll, sie schon vor dem Führeschein zu haben." Eine solche Leistung in diesen jungen Jahren, und er zuckt nur die Schultern, als sei es Nichts.
 
Jeffrey und Joel springen beide seit ihrem elften Lebensjahr, was sie wohl zu den weltweit jüngsten Skydivern macht. Jedes dieser Kinder wurde nach seinen Verdiensten beurteilt, und sie erhielten nur dann die Erlaubnis in die Luft zu gehen, wenn sie es sich verdient hatten. Außerdem mußten sie die hohen Erwartungen ihrer Eltern erfüllen, die verlangten, dass sie die Reife und die Fähigkeit beweisen, die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen.
 
Ich habe oft darüber lamentiert, was ich alles in diesem Sport erreichen hätte können, wenn ich früher als im Alter von 40 Jahren damit begonnen hätte. Welche Zeit hätte ich gehabt, all diese Fähigkeiten zu erlernen und sogar zu meistern.

The Mullins Bros
Joel & Jeffrey Mullins

Diese Kinder sind begnadet. Niemand erzählt ihnen, was sie zu tun haben, und sie springen High Performance Kappen, testen deren Gleitraten und Flugreaktionen. Jeffrey hat seinen Vater bei einem Lift gefragt, ob es okay sei, dass er seinen Schirm bei 3000 Metern öffnet, weil er die Flugeigen- schaften seines Schirms testen wollte. Bei einem anderer Sprung, dieses Mal geht's ums Freeflying, klettert Joel als erste raus, mit einem Kamerahelm.

Dieser Kerl kann schon Videos schiessen und hat sich Fähigkeiten angeeignet, für die andere Jahre brauchen.
 
Sprung auf Sprung, nach jedem Load, scheinbar in jeden Lift, kann man diese Burschen sehen. Draussen vor dem Hangar mit ihren Freunden, Formationen briefend, unglaubliche Freeflyfiguren planend; Kinder, die ihre Jugend geniessen, trotz dieses Erwachsenensports, den sie ausüben. Ein Leben, von denen Menschen die fünfmal so alt sind, nur träumen können. Man kann leicht sehen, dass sie den Respekt der anderen Springer geniessen. Alles Leute, die mit ihnen gesprungen sind, und die wissen, dass diese Kids mehr können, als sich nur an einer Formation oder bei anderen Sprüngen festzuhalten.
 
Aber wenn die Stimme von Mom oder Dad über den Lautsprecher ertönt, kommen sie gerannt. Egal, was sie gerade tun oder mit wem sie gerade reden, ... "ich muss gehen und sehen, was Mom von mir will!" Keine Aufgabe ist zu gewöhnlich, nichts ist zuviel verlangt. Dieses sind Kinder, die dazu erzogen wurden, ihre Eltern zu respektieren und gerne einzuspringen, wenn ihre Hilfe im Familienbetrieb gebraucht wird.
 
Als sich die Sonne langsam verabschiedet und der letzte Load gemutlich zurück zum Hangar maschiert, ist Jeffrey schon dort und packt seinen Schirm. Er muss sich beeilen, weil Mom ihm noch einige Erledigungen aufgetragen hat, bevor sie heimfahren.
 
Der 2-jährige Matthew trottet glücklich über die Dropzone und genießt die Aufmerksamkeit, die goldige kleine Kerle in dem Alter gewöhnlich auf sich ziehen. Kurze Zeit später wird er von hinten vom grossen Bruder Joel umarmt, der ihn beschäftigen wird, bis Mom und Dad die letzten Dinge im Manifest erledigt haben. Charlie packt Sachen im Hangar weg und kontrolliert, ob das Flugzeug richtig geparkt und für einen weiteren langen Sprungtag gerüstet ist. Auch Jeffrey wurde von seiner Mutter mit einer Aufgabe betraut. Er hebt den herumliegenden Abfall auf, macht sauber, denn er möchte, wie seiner Eltern, eine saubere und aufgeräumte Dropzone. Etwas, dass wir Skydivern oft nicht zu schätzen wissen.
 
"Wirf die Kippe nicht auf den Boden!" murmelt jemand. Schnell hebe ich sie mit einer Entschuldigung wieder auf. "Tut mir leid, blöde Angewohnheit." Eine, die ich ablegen sollte, denke ich, als ich die Kippe in einen dafür vorgesehenen Behälter werfe. Ich hätte es wissen müssen, denn auch die Stammspringer sind stolz auf ihre Dropzone und wollen sie nicht mit herumliegenden Kippen verschandeln.

"Alle meine Kinder sind ausgezeichnete Schüler", sagt Andrea, als ich sie frage, wie sie in der Schule zurecht kommen. "Wie finden sie nur die Zeit zum Lernen?" wundere ich mich laut. "Ooh, die finden sie". versichert sie mir. "Es bleibt ihnen auch nicht Anderes übrig, wenn sie springen wollen." Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, gibt es keinen Zweifel, dass sie ruckzuck gegrounded würden. Ein Einwand von Seiten der Kids, und Dad würde ihr 100-prozentig den Rücken decken!

Mullin's King Air

Viele Springer, mich vorher eingeschlossen, glauben, dass Kinder wie diese vom Glück verwöhnt werden. Sie führen doch ein beneidenswertes Leben. Mensch, es muss doch wunderbar sein, immer einen Platz zum Springen zu haben, freie Sprünge machen können, soviele Sprünge am Tag, wie man schafft. Liebe Güte, sie haben verdammt Glück, zu einer solchen Familie zu gehören.
 
Ich denke, es ist nicht ganz so einfach. Obwohl diese Kinder ihre Lifts nicht mit Geld bezahlen, so erbringen sie doch Gegenleistungen. Ihr Leben ist weit von einem nie endenden Picknick entfernt. Ihnen wurde schon in jungen Jahren Verantwortung beigebracht. Man kann sehen, dass sich diese Junges am Riemen reissen müssen, wenn sie am kommenden Wochenende springen wollen. Sie müssen für die Schule lernen, die ihnen aufgetragenen Aufgaben erledigen, und aushelfen, wo immer sie gebraucht werden. Und sie machen es ohne Murren, mit einer unglaublichen Zeiteinteilung.
 
Es kann einem schwindelig werden, wenn man ihnen nur zuschaut: rein in den Load, Schirm packen, dann ein paar Erledigungen, ein Dirt Dive, noch eine Formation, immer und immer wieder, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
 
Für sie gibt es keine Parties am Lagerfeur nach einem Sprungtag. Sobald alles eingepackt und alle Aufgaben auf der Dropzone erledigt sind, quetschen sie sich ins Familienauto für die Fahrt nach Hause. Man kann nur erahnen, wie die fast einstündige Fahrt verläuft. Wie sie einer nach dem anderen erschöpft einschlafen nach den Anstrengungen eines langen Sprungtages.
 
Der Morgen auf einer Dropzone beginnt fürchterlich früh und der Mullins Clan steht vermutlich mit der Sonne auf, lange bevor die meisten von uns aus ihren Zelten kriechen. Vieles gibt es zu erledigen, bevor der erste Load hochsteigen kann, und jeder hilft mit. Flugzeug betanken, checken, alles fertig machen für einen neuen Tag. Manifest öffnen, Computer anwerfen, alles bereithalten, damit der Sprungbetrieb reibungslos weiterlaufen kann. Und erst wenn alles fertig ist, werden die Gearbags geholt und jedes der Kinder bereitet sich auf den ersten Sprung vor und freut sich auf den damit verbundenen Spass.
 
Man fragt sich, wie es wohl in zehn Jahre sein wird. Von welche Leistungen, Erlebnissen und Wünschen diese Jungens dann erzählen werden. Die Geschichten und Leistungen des Vaters, die auf ihre Weise auch unglaublich sind, werden vermutlich neben denen seiner Söhne verblassen. Man kann sich den Tag nur vorstellen, an dem sich der kleine Matthew seinen Brüdern am Himmel anschließen wird, um seinen Platz als der kleinste Nestling, der mit den Adlern aufsteigt, einzunehmen.

Die Mike Mullin's Website gibt es unter http://www.skydivekingair.com/.

von rita - faceplant@skyxtreme.com
Deutsche Uebersetzung von @nne
Photos © 2000 rita

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