Hüttenbuscher Historie von Reiner Schischke - erress@gmx.de Fotos © 2000 Wolfgang Bäumer - wbaeumer@zfn.uni-bremen.deLeider ist Hüttenbusch jetzt Geschichte. Es war ein wirklich schöner Platz im Grünen an der Hamme, mitten im Teufelsmoor gelegen. Auch für mich war es der Anfang meiner Springerlaufbahn, wie auch für viele andere, die heute schon eine Ewigkeit in unserem Sport tätig sind oder gar zu Leistungsträgern für diesen aufstiegen, bis hin in solche Höhen, wie den deutschen Relativ-Achter (nicht den aus Ratzeburg). Mit diesem Platz sind auch Namen, wie der Bremer Verein für Luftfahrt verbunden, der als Deutschlands (ich glaube) ältester Luftfahrtverein und Gründer des Bremer Flughafens gilt. Er war auch der Verein, in dem die Fallschirmgruppe zu Hause war.
Wie Wolfgang schon betonte, haben Hüttenbuscher die Formel 3000m (ü.Gr.) immer als überm Grill interpretiert, was auch ihre schier weltmeisterliche Fähigkeit umschrieb, aus jedem Sprungereignis letzten Endes ein fulminantes Grillfest werden zu lassen. Hierzu wurde die Vereinshütte in gemeinsamer Handarbeit zur erweiterten Halterung für die regensichere Überdachung des handgeschmiedeten Edelgrills umgebaut. Die riesige Rasenfläche zwischen Startbahn und Grill stellte des öfteren ihre Tauglichkeit als Grundlage zum Schlangestehen vor dem gut beheizten Grill unter Beweis, selbst wenn die Startbahn glücklicherweise wieder unter Wasser stand und so dem erfolgreichen Angrillen kein springendes Vereinsmitglied mehr im Wege stand.
Und auch das Hüttenbuscher Wetter spielte häufig mit, entweder es sorgte für reichlich Nässe, so dass sich selbst die aktiven Springer gerne am wärmenden Grillfeuer aufhielten oder es liess bei einer unteren Wolkengrenze von 800m (ü.Gr.) immer noch mindestens so viel freie Sicht bis auf das Vereinsgebäude mit seinem herrlichen Grillplatz zu, dass selbst die ernsthaftesten Springer aus dieser Höhe noch einschätzen konnten, ob noch genügend Würste auf dem Grill lagen und wie schnell sie sich herunterschrauben mussten, damit die garenden Fleischteile gerade recht geschmort wären und nicht zu einem hässlichen schwarzen Fleischbatzen verschmorten. Und hier lag die wahre Meisterschaft Hüttenbuscher Zielspringer. Sie waren in der Lage auf den Punkt genau direkt vor dem Grill zu landen, just zu dem Zeitpunkt, wenn Würste und Fleischstücke ihre optimale Brattönung erreicht hatten. Aber nur den wenigen wahren Cracks unter ihnen war es vergönnt ein gutes Steak so anzusteuern, dass sie zwischen "blutig", "medium" und "durch" den richtigen Zeitpunkt am Grill aufschlugen.
Und dann sind auch nicht die launigen Abende der derben Männerrunden mit ihren äusserst interessanten Briefings an den Abenden zu vergessen, wenn die besten unter ihnen alle anderen über ihre Künste und Erlebnisse aufklärten. Dass es dabei auch mal zu richtig derben und amüsanten Selbstdarstellungen vor allem nach der 10 Kiste Freibier für eventuelle Reserven oder Prüfungssprünge kam, war natürlich selbstverständlich. Nur so, und nach den täglich erfolgtem Sprung oder manchmal auch den Sprüngen, konnten sich selbst die verschlossensten Personen zu wahren Giganten des Showbiz entwickeln, was dazu führte, dass Einzelne gar nicht mehr springen brauchten und sich auch ohne dieses Aphrodisiacum, nur mit Hilfe von geistigen Getränken zu enormen Unterhaltungskünstlern entwickelten, was viele veranlasste ganze Nächte am Platz zu verbringen.
Es wurde mit der Zeit immer klarer, dass für Festivitäten dieser Grössenordnung der Grill nebst Hütte im Laufe der Zeit einfach zu klein werden würde. Und so entwickelte sich der Hüttenbuscher Gelageplatz immer weiter in Richtung Landewiese und Zielkreis. Dort trafen sie sich dann, die Allergrössten. Bis in den frühen Morgen wurde von dieser High-Society der eventuell mögliche, nächste Sprung aus der D-ELSE per Friedenspfeife und anderen Zeremonien vorbereitet. Der Zielkreis, eigentlich mehr der Altar der wahren Meister unserer Zunft, bekam so gleich eine zusätzliche Aufgabe von Bedeutung. Im Weihrauch auserlesener Eliten wurden mindestens einmal im Jahr, meist öfter, die in heiligen Ritualen die wahren Meister der Luft(spass)vögel gekrönt.
Und selbst wenn der Tag auch schon anbrach, die Feuer verlöschten und auch sie sich zur vermeidlichen Ruhe begaben, waren es doch letztendlich sie es, die im sagenumwobenen Early-Bird ihre unvergleichlichen Künste demonstrierten. Sie waren es schliesslich, die nachdem sie den Piloten mit ihren neckischen Anfeuerungsrufen zu ebenso mutigen wie riskanten Manövern animierten, nach 35 Minuten Flug bis in Höhen von 3000 Meter (ü.Gr. noch leicht rauchend) wagemutig zu dritt aus dem Flieger taumelten um jeder einzeln für sich in waghalsigen Figuren, mal kopfüber, mal mit dem ebenso berühmten Hüttenbuscher Hüftknick, der Erde und somit auch dem Grill entgegenzurasen. Nur ihnen war es vergönnt, selbst bei der härtesten Schirmöffnung in Rücken- oder Seitenlage noch aus dieser Position heraus zu erkennen, dass das Feuer im Grill endgültig erloschen war und somit gefahrlos die endliche und unbeliebte Arbeit des Flaschen-, Knochenreste-, Pappteller- und Springerlegenden- wegräumens begonnen werden konnte.
Aber selbst diese mühevolle Arbeit wurde nicht wortlos gemeistert, denn die, welche Einige für mausetot hielten, krochen irgendwann aus irgendwelchen Zelten, fremden und eigenen und hatten nach erstem Kaffee schnell zur alten Form gefunden, auch wenn sie noch recht zerknittert war. Und so wurde dann auch wieder, nach und nach, eine Geschichte nach der anderen ausgetauscht. Wer erinnert sich dabei nicht noch gerne an die Erzählung von zwei Springern, welche offensichtlich zusammen in die ELSE stiegen um auch gemeinsam aus ihr auszusteigen. Für den Beobachter am Boden bot sich so das einmalige Schauspiel, erst das Flugzeug weit oben am diesmal blauen Himmel zu erblicken, von dem sich zwei winzig kleine schwarze Punkte in Richtung Erde und immer weiter auseinander bewegten. Nachdem diese sich letztendlich in sehr, sehr sicherer Entfernung voneinander in zwei Fallschirmspringer an ihren bunten Schirmen entpuppten und anschliessend auch schwungvoll und sicher landeten, viel dann dieser eine, dieser bedeutende Satz von einem der beiden Springer: "Noch 500 Meter und wir hätten uns gehabt." Entsetztes Schweigen am Boden, sollte es doch das Ziel dieser Beiden gewesen sein, durch ein sich voneinander entfernen wirkliche Nähe herzustellen? Bis heute blieb diese Frage unbeantwortet und nährte seit dieser Zeit die Spekulationen über die wahren Hüttenbuscher Sternstunden.
Auch darf jener denkwürdige Sprung nicht vergessen werden, bei dem vier splitternackte Hüttenbuscher Springer in ca. 2000 Meter Höhe (ü.Gr.) einen Notabsprung vollzogen, obwohl eigentlich mindestens 2500 Meter Höhe (ü.Gr.) als Mindestziel gesetzt wurde. Leider hatte der tollkühne Pilot in seinem Hawaii-Buschhemd vergessen ausreichend Flugbenzin mit auf die Reise zu nehmen und so wurden alle erst durch einen stotternden 6-Zylinder direkt über dem malerischen Worpswede mit seinen vielen Touristen auf das vorzeitige Ende ihrer Reise aufmerksam gemacht. Nur die äusserste Gnade dieses Buschpiloten mit den Springern noch nach Hüttenbusch zu segeln um diese dann in der weiten Landschaft des Teufelsmoors auszuladen, rettete alle Vier vor der äusserst peinlichen Situation zwischen Kaffetrinkenden Ausflüglern mitten in Worpswede den unbekleideten Rückweg anzutreten und womöglich noch eine rüstige Rentnerin um ein Mitnahme in ihrem PKW zu bitten. Der Buschpilot, Held dieser Geschichte, landete mit stehendem Propeller sicher im 9 km entfernten Karlshöfen, nachdem ihm klar war, dass in Hüttenbusch keine Tankstelle am Sprungplatz ist. Zwar hatte er durch seine per Funk vorangekündigte Notlandung viele lachenden Pilotenkollegen, die den einen oder anderen Scherz zum Thema des gemeldeten Motorschadens machten, brachte aber die ELSE am Propeller hinter sich herziehend sicher zur geliebten Zapfsäule.
Ich möchte hier fürs erste mit der Hüttenbuscher Historie enden. Für mich war dieser Platz auf jeden Fall eine Bereicherung in meinem Leben und hat mir etliche interessante Tage und Abende auch bei 0 Meter (ü.Gr.) geschenkt. Viele andere (ehemaligen) Hüttenbuscher können sicher noch andere Erinnerungen und Geschichten zu diesem Platz beitragen. Mehr Stories auf den Seiten
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